Ulmer Tor unter Hochpräzisions-Beobachtung
Wir wachsen an unseren Herausforderungen und freuen uns mit der Wyler AG, Messwelk, RDMT und PRODAT die Stadt Biberach mit Ihrem Wahrzeichen in die Zukunft begleiten zu können.
Dr.-Ing. Sebastian Sauer 13.1.2026
Wenn man heute durch Biberach an der Riß geht, führt kaum ein Weg am Ulmer Tor vorbei. Das einzige erhaltene Stadttor der ehemals ummauerten Reichsstadt, im 14. Jahrhundert errichtet und seit 1365 urkundlich belegt, ist nicht nur Fotomotiv, sondern identitätsstiftendes Wahrzeichen der Stadt.
Doch der „Schiefe Turm von Biberach“ steht wortwörtlich auf der Kippe: Haupttor und Vortor haben sich über Jahrzehnte auseinander bewegt, weil Teile der Gründung auf alten Holzpfählen im Grundwasser nachgeben. Um das Denkmal für kommende Generationen zu sichern, investiert die Stadt Biberach rund 2,85 Mio. Euro in eine aufwendige Gründungssanierung bis voraussichtlich Ende 2026. Mikrobohrpfähle, einbetonierte Traversen und komplexe Bauzustände machen die Baustelle zu einer besonderen ingenieurtechnischen Herausforderung.
Damit bei jedem Bauabschnitt klar ist, wie sich das Tor tatsächlich verhält, überwacht ein spezialisiertes Messsystem die Bewegungen des Bauwerks im laufenden Betrieb – konzipiert und realisiert von einem starken Konsortium:
- Wyler AG und Messwelk GmbH
- PRODAT Informatik GmbH
- Richter Deformationsmesstechnik (RDMT)
Der Projektstatus: Das System ist konzipiert, installiert, im Probebetrieb erfolgreich gelaufen und befindet sich nun in der Phase der kontinuierlichen Messung und Überwachung (mit einem einzigen aktuellen Wermutstropfen: einer ausgefallenen USV-Einheit (EcoFlow Delta Pro 3 mit Zusatzbatterie), deren Fehlerursache derzeit analysiert wird.)
Ein Wahrzeichen in Schieflage – und was das für die Messung bedeutet
Das Ulmer Tor entstand im Zuge einer Stadterweiterung im 14. Jahrhundert und trug bis 1810 den Namen Spitaltor. Es ist das letzte verbliebene Stadttor aus einer einst umfangreichen Befestigungsanlage und steht heute frei an der Ulmer-Tor-Straße am Rand der Altstadt.
Über die Jahrzehnte hat sich die Schiefstellung sichtbar vergrößert:
- Das Haupttor neigt sich an der Turmspitze (26,4 m) um rund 26 cm zur Innenstadt,
- das Vortor an etwa 7,7 m Höhe um ca. 10 cm in die Gegenrichtung.
Die Ursache liegt in der historischen Gründung: Einige Wände stehen sicher auf der Stadtmauer, andere auf Holzpfählen im Grundwasser, die durch Veränderungen des Wasserhaushalts und Alterung geschwächt wurden.
Für die Stadt, Planer und Denkmalschutz bedeutet das: Jeder Eingriff im Untergrund muss begleitet werden von präziser, verlässlicher Messung der Bauwerksreaktion – in Echtzeit und über die gesamte Bauzeit hinaus.

Das Monitoring-System am Ulmer Tor – Zielsetzung und Aufbau
Im Vorhaben sind die Unternehmen Wyler/Messwelk, PRODAT und RDMT im Auftrag der Stadt Biberach aktiv. Es werden die drei Hauptziele verfolgt:
- Kontinuierliche Überwachung der Neigungen und Verschiebungen von Haupttor und Vortor während der Gründungssanierung.
- Früherkennung kritischer Zustände, um Bauabläufe bei Bedarf anpassen zu können.
- Langfristige Dokumentation des Tragverhaltens für weitere Sanierungsphasen oberhalb des Straßenniveaus.
Im Kern besteht das System aus:
- hochpräzisen Neigungssensoren an ausgewählten Messpunkten des Bauwerks,
- lokaler Erfassungstechnik und Mess-PC,
- der Mess-Software von PRODAT (UlmerTorAPP, Entwicklungsstand für den Probebetrieb),
- einem Datenkonzept für Langzeitarchivierung, Visualisierung und Reporting,
- einer mobilen USV-Lösung (EcoFlow Delta Pro 3 mit Zusatzakku) zur unterbrechungsfreien Stromversorgung der Messkette.
Nach Konzeption, Installation und Tests läuft das System im kontinuierlichen Betrieb, die Messdaten werden überwacht und die Beteiligten begleiten den Betrieb im Rahmen von Service- und Supportleistungen.
Die Projektpartner – gebündelte Kompetenz „links und rechts der Geodäsie“
Wyler AG & Messwelk GmbH – Präzision in der Neigungsmessung

Die Wyler AG mit Sitz in Winterthur (Schweiz) blickt auf eine fast hundertjährige Tradition zurück: Seit 1928 entwickelt und fertigt das Unternehmen Präzisionswasserwaagen, Neigungsmessgeräte, Neigungssensoren und Software und zählt weltweit zu den führenden Herstellern im Bereich der Neigungsmessung.
Die Messwelk GmbH in Kleinostheim ist seit Jahrzehnten eng mit Wyler verbunden – zunächst als Generalvertretung für Deutschland, heute sogar als Eigentümerin der Wyler AG. Das Familienunternehmen „mit Präzision im Blut seit 1939“ betreibt ein DAkkS-akkreditiertes Kalibrierlabor für Neigungsmessgeräte und bietet Vertrieb, Beratung, Kalibrierung und Reparatur aus einer Hand.
Im Projekt Ulmer Tor verantworten Wyler und Messwelk insbesondere:
- Auswahl und Bereitstellung geeigneter Neigungssensorik,
- Kalibrierung und Qualitätssicherung der Messkette,
- fachliche Unterstützung bei der Interpretation von Neigungsdaten.
PRODAT Informatik GmbH – Systemintegrator für Messtechnik und Digitalisierung
Die PRODAT Informatik GmbH mit Sitz in Senftenberg ist Systemanbieter für Lösungen in Messtechnik, Sensorik, Automatisierungstechnik (MSR), IT sowie Hard- und Softwareentwicklung. Das Unternehmen konzipiert und realisiert Mess- und Prüfsysteme, u. a. für Schienenfahrzeuge, und verfügt über Erfahrung in der Bauwerksüberwachung – inklusive Entwicklung individueller Softwarelösungen und KI-gestützter Auswertung.
Im Projekt Ulmer Tor übernimmt PRODAT die Rolle des technischen Integrators:
- Konzeption des Monitoringsystems inklusive Datenfluss,
- Bereitstellung des Mess-PCs (Leihlaptop) und der Mess-Software UlmerTorAPP im fortgeschrittenen Entwicklungsstand für den Probebetrieb und dauerhaften Überwachungsbetrieb,
- Messdatenvisualisierung,
- Messdatenweiterleitung,
- Integration der Sensorik in eine robuste Softwarearchitektur mit Visualisierung, Alarmierung und Datenhaltung,
- Beratungsleistungen,
- Bereitstellung kostenpflichtiger Leistungen in Service, Support und Weiterentwicklung der Software auf Basis der Praxiserfahrung am Ulmer Tor.




Richter Deformationsmesstechnik (RDMT) – Bauwerksüberwachung „links und rechts der Geodäsie“
Die Richter Deformationsmesstechnik GmbH (RDMT) ist Spezialist für Bauwerksüberwachung – insbesondere von Talsperren, Stauanlagen und Gebäuden – und versteht sich als unabhängiger Komplettanbieter von Lösungen zur Bauwerkssicherheit „links und rechts der Geodäsie“.
Zum Leistungsspektrum gehören u. a.:
- Beratung und Projektierung von Messtechnik,
- Konstruktion und Anpassung von Messausrüstung,
- Montage, Konfiguration und Wartung von Messsystemen,
- Unterstützung bei Automatisierung, Datenübertragung, Auswertung und Interpretation.
Im Projekt Ulmer Tor verantwortet RDMT insbesondere:
- das konzeptionelle Grundlayout der Deformationsmessung,
- die Einbindung der Messpunkte in das Gesamtüberwachungskonzept des Bauwerks,
- fachliche Bewertung der Messergebnisse im Kontext der Bauzustände.
Vom Konzept zum laufenden System

Der Weg zum heute betriebenen Messsystem lässt sich in drei Phasen skizzieren:
- Konzeptphase
- Analyse der baulichen Situation und der geplanten Gründungssanierung.
- Festlegung der relevanten Messgrößen (Neigungen, relative Bewegungen zwischen Haupttor und Vortor).
- Auswahl geeigneter Sensoren, Messstrategien und Grenzwerte.
- Realisierungs- und Probebetriebsphase
- Installation der Neigungssensorik und der Messkette vor Ort.
- Einrichten des Mess-PCs und der UlmerTorAPP, Aufbau der Datenkommunikation und Visualisierung.
- mehrwöchiger Probebetrieb mit Vorabtests vor Auslieferung, um Stabilität, Datenqualität und Alarmlogik zu validieren.
- Überwachungs- und Servicephase (aktuell)
- laufender Betrieb während der Gründungsarbeiten mit kontinuierlicher Datenerfassung,
- Plausibilitätsprüfungen, Berichte und ggf. Anpassung der Messstrategie,
- Service und Support durch das Partnerkonsortium, um auch auf längere Bauphasen und spätere Sanierungsabschnitte vorbereitet zu sein.
Das Ergebnis: ein maßgeschneidertes Monitoring-System, das die komplexe Gründungssanierung eines denkmalgeschützten Bauwerks datenbasiert begleitet.
Einziger Wermutstropfen: Die USV im Härtetest
Teil des Überwachungskonzepts ist eine leistungsfähige unterbrechungsfreie Stromversorgung auf Basis einer EcoFlow Delta Pro 3 mit Zusatzbatterie. In Abstimmung auf das Systemvorhaben wurde eine Realisierung mit mobiler Powerstation mit 5 kWh Kapazität gewählt, welche die UPS-Funktion realisiert bei Stromausfall die Stromversorgung übernehmen kann.
Nach mehr als einem Monat Betrieb – inklusive Vortests vor Auslieferung (seitens der PRODAT) – ist die USV-Einheit jedoch aufgrund einer bislang unbekannten Fehlerursache ausgefallen. Die Analyse dieses Einzelfalls und die Ableitung geeigneter Maßnahmen (Reparatur, Austausch oder Anpassung der Betriebsstrategie) laufen.
Eine Redundante Ausführung (entweder mit heterogener oder homogener Redundanz) wurde durch den AG dabei explizit nicht gewünscht, es ergeben sich somit ggf. immer erhöhte Reaktionszeiten zur Durchführung von Service- und Wartungsarbeiten.
Wichtig ist dabei:
- Die Messarchitektur ist so ausgelegt, dass Messdaten robust aufgezeichnet werden und Aussetzer klar erkennbar und dokumentiert sind.
- Die EcoFlow-Lösung bleibt aufgrund ihrer Leistungsfähigkeit, Mobilität und UPS-Funktion grundsätzlich ein attraktiver Baustein – genau solche Realbedingungen liefern wertvolle Erkenntnisse für zukünftige Projekte mit ähnlichen Anforderungen.
Mehrwert für Biberach – und ein Blaupausen-Projekt für historische Bauwerke
Das Monitoring-System am Ulmer Tor leistet weit mehr als „nur“ die Sicherung einer Baustelle:
- Es stellt Baumaßnahmen begleitenden Informationen bereit.
- Es liefert eine Messhistorie der Bauwerksreaktion über die gesamte Sanierungsdauer.
- Es schafft Transparenz für Stadt und Planer, wie verantwortungsvoll mit einem bedeutenden Denkmal umgegangen wird.
- Es erlaubt einen Nachweis, langfristig erfolgreicher Maßnahmendurchführung durch eine dauerhafte Überwachung.
- Es bildet die Grundlage für weitere Sanierungsschritte oberhalb des Straßenniveaus – vom Mauerwerk bis zur Dachkonstruktion.
- Es zeigt, wie moderne Präzisionssensorik, spezialisierte Systemintegration und Bauwerksüberwachung zusammenwirken können, um historisches Erbe und moderne Baupraxis zu verbinden.
Damit wird das Projekt Ulmer Tor zum Referenzbeispiel dafür, wie interdisziplinäre Kooperation, digitale Messsysteme und verantwortungsvolle Ingenieurbaukunst gemeinsam dafür sorgen, dass ein Wahrzeichen nicht nur stehen bleibt – sondern auch sicher in die Zukunft geführt wird.
Quellen
Ulmer Tor & Sanierung / Motivation
- Stadt Biberach: „Gründungssanierung des Ulmer Tors startet am 3. November“ – https://www.biberach-riss.de/Rathaus-und-Service/Mitteilungen/Gründungssanierung-des-Ulmer-Tors-startet-am-3-November.php?object=tx,4009.5.1&ModID=7&FID=4010.1402.1&NavID=2215.40&La=1&call=suche
- Oberschwaben-Tipps: „Ulmer Tor | Biberach in Oberschwaben“ – https://www.oberschwaben-tipps.de/ulmer-tor-biberach-in-oberschwaben/
- Schwäbische Zeitung: „Anspruchsvolle Baustelle – Wahrzeichen steht auf der Kippe“ – https://www.schwaebische.de/regional/biberach/biberach/anspruchsvolle-baustelle-wahrzeichen-steht-auf-der-kippe-4236904
Unternehmensinformationen
- Wyler AG – Unternehmensportrait & Startseite – https://www.wylerag.com/de/ueber-uns/unternehmensportrait/ / https://www.wylerag.com/de/home/
- Messwelk GmbH – Startseite & Firmenhistorie – https://www.messwelk.de/ / https://www.messwelk.de/unternehmen/geschichte
- PRODAT Informatik GmbH – Unternehmensdarstellung – https://www.prodat.de/cms/
- Richter Deformationsmesstechnik GmbH (RDMT) – „Über uns“ – https://rdmt.de/ / https://rdmt.de/index.php?L=1&id=1




